archiv2014

Herbstkonferenz 2014

Wer hat hier das sagen?

Wo treffen unser Landesbischof Frank Otfried July, der ehemalige Ministerpräsident Günther Beckstein, der ehemalige Bundestagesabgeordnete und Pfarrer Pascal Kober (FDP) und Bernd Riexinger, Fraktionsführer der LINKEN, in einer Podiumsdiskussion aufeinander und diskutieren über die Rolle der Kirche in einer Demokratie? Nicht auf einfachen Kirchentagen oder EKD-Veranstaltungen, sondern auf der Herbstkonferenz 2014 der Unständigen, die vom 20.-23. Oktober 2014 in der Akademie Bad Boll stattfand. Und hochkarätiger hätte die Diskussion gar nicht sein können, nachdem sich auch das „hochkarätige Publikum“ (so Studienassistent Martin Wendte in einem schönen Ver-Wahr-Sprecher) am Ende mit seinen Fragen an die Gäste wenden konnte. Zweieinhalb Tage lang wurde diskutiert, informiert und in Planspielen erprobt und erforscht, wer hier eigentlich das Sagen hat. Die Palette reichte dabei von Konflikten im Kirchengemeinderat und Kirchenasyl bis hin zu Staatstheorie und Kirchenrecht. Schade war nur, dass man sich jeweils nur zu einem Workshop anmelden konnte, und nicht mehrere auf einmal besuchen konnte.

Das alles war ein Jahr vorher noch nicht abzusehen, als die Teilnehmer der Herbstkonferenz 2013 sich für das Thema „Kirche und Demokratie“ entschieden haben, und das Vorbereitungsteam erstmals im Januar zusammen trat. Doch schon bald kristallisierten sich drei Schwerpunkte heraus, um die herum die Vorträge und Themen der Herbstkonferenz 2014 gestaltet werden sollten: Erstens  die Frage nach der Rolle der Kirche in der Demokratie, als ein Akteur, eine Stimme inmitten einer sich zunehmend pluralisierenden Gesellschaft. Auch die Phänomene, welche Colin Crouch als „Postdemokratie“ bezeichnet, wurden dabei nicht ausgespart. Und über all dem schwebt die Frage, ob wir in dieser Gesellschaft überhaupt noch gehört werden? Und wenn nein, warum nicht?

Zweitens die Frage nach der Funktion der innerkirchlichen Demokratie, ihre Angemessenheit oder auch Angepasstheit für die Kirche. Dabei wurde auch beleuchtet, ob unsere Kirchengemeinderäte und unsere Synode letztlich wirklich den Anspruch haben können, die ganze Bandbreite kirchlicher Mitglieder vertreten zu können.

Und drittens die Frage wie Gottesdienste politisch gestaltet werden können, und wie dabei Demokratie innerhalb wie auch außerhalb der Kirche eingeübt werden. Oder andersherum: Wie können wir etwas sagen, dass wir als Kirche überhaupt Gehör finden? Und was ist überhaupt angemessen für einen politischen Gottesdienst?

Bei allen Fragen war auch eine große Bandbreite an Referenten und Workshopleitern vertreten, welche mit ganz unterschiedlichen Biografien und Geschichten uns an ihren Erfahrungen und Lehren teilhaben ließen. Die Rolle der Kirchen in der friedlichen Revolution von 1989 wurde dabei unter anderem in dem Vortrag von Frank Richter beleuchtet, der sich seinerzeit als katholischer Geistlicher bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig für Demonstranten einsetzte. Weitere Workshops gaben Erfahrungen von Kirchen und deren Rolle für die Demokratie im gegenwärtigen Deutschland und in der Ukraine wider.

Die postdemokratische Entwicklung wurde vom ehemaligen Staatssekretär Wolfgang Lieb beleuchtet, und Prof. Dr. Thomas Schlag (Zürich) warf seinen eigenen theologischen wie biografischen Blick auf die Rolle der Kirche in einer Demokratie. Und natürlich fehlte auch der Blick auf die exegetischen Befunde nicht, wenn die Frage nach dem Ursprung der Demokratie im Alten wie im Neuen Testament beleuchtet wurde.

Doch bei all der Vielfalt und Hochkarätigkeit bleibt die große Stärke der Herbstkonferenz, so spannende Themen zu setzen, dass diese letztlich auch beim Essen oder im Cafe Heuss in Kleingruppen weiter besprochen werden.

Auch diese Herbstkonferenz endete mit einem Gottesdienst. Der war bewusst nicht politisch gestaltet, sondern war ein langer Abendmahlsgottesdienst in eigener Liturgie mit vielen Taize-Elementen und kurzen Lesungen und Predigten. Ein Gottesdienst der Gemeinschaft und der Versöhnung über die politischen Auseinandersetzungen hinweg. Denn letztlich darf bei allem Streit, sei er fruchtbar oder unfruchtbar, eines nie vergessen werden: unsere Gemeinschaft untereinander und mit Gott.

Sascha Michalak


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