archiv2009

BIBEL, WO BIST DU?

Zahlreiche junge Pfarrerinnen und Pfarrer kommen im Hohenwart-Forum bei Pforzheim zusammen und beschäftigten sich mit dem Thema „„Bibel, wo bist du?!“


Materialien


Bericht zur Herbstkonferenz 2009

Die Bibel, das ist die Geschichte, die alle kennen – und doch keiner richtig. Die Geschichte, in der jede andere Geschichte verankert ist, die jeden betrifft. Für jeden von uns hing dieser Mann an diesem beschissenen Kreuz“. So die für unsere Ohren vielleicht etwas provokanten Worte, die Ben Becker hier über die Bibel findet. Die Bibel – eine gesprochene Symphonie?
Vielleicht war es ja das, was Martin Luther damit gemeint hat, dass die Schrift sich selber auslegt. Eben wie uns eine Symphonie anspricht, bewegt, das Herz berührt.
Was ist die Bibel heute für uns? Und wie finden wir einen Zugang?
Die Bibel ist heute für uns sehr vielfältig. Sie ist „Arbeitsmaterial“, Informations- und Kraftquelle, manchmal Anstoß und Provokation und dabei doch immer Gottes Wort.
Grund genug, sich während der Herbstkonferenz mit der Bibel intensiv hermeneutisch, kreativ und auch einfach mal „anders“ zu beschäftigen.

Dabei war vermutlich von vornherein klar, dass es ganz unterschiedliche Herangehensweisen an und Umgänge mit der Bibel gibt. Vielleicht auch verbunden mit manchen Ängsten und manchen Vorurteilen. So gibt es auch der Erfahrungsbericht von Birgit Mattausch wieder, die mit im HK-Vorbereitungsteam war:

Auf meiner Facebook-Startseite war neulich zu lesen, dass ich „Freundin“ eines Users bin, der „Fan von Evangelische Allianz“ ist.
Oh mein Gott! Wie konnte das passieren? Mir? Der pietismusgeschädigten Kämpferin für eine postmoderne Befreiungstheologie, der aufrechten Feministin, der überzeugten taz-Leserin, der nimmermüden Offene-Kirche-Wählerin?

Eigentlich bin ich in die HK-Vorbereitungsgruppe gegangen, um Schlimmeres zu verhindern. Schließlich konnte ich mein Lieblingsbuch Bibel nicht dem Feind, sprich: irgendwelchen fundamentalistischen Bengel-Biblizisten überlassen.
Und dann kam alles anders als gedacht.

Wir trafen uns. Wir redeten. Wir nahmen uns einen ganzen Tag Zeit, uns unsere Geschichten mit der Bibel zu erzählen.
Ich habe etwa davon gesprochen, wie viel Angst mir als Kind und Jugendlicher gemacht wurde mit Bibelversen – beim CVJM Bonlanden und beim Aidlinger Pfingstjugendtreffen. Wie befreiend das Studium für mich war. Und dass ich dennoch, je länger ich Pfarrerin bin und mich herumschlage mit den Predigttexten, immer weniger zufrieden bin mit „Exegese-Exegese-Exegese“ und historisch-kritischer Methode, die nur auseinander nimmt und nicht wieder zusammenfügt.

Ich habe viel gelernt in dieser HK- Vorbereitungs-Zeit. Zum Beispiel, dass für die meisten von uns die Postmoderne längst angebrochen ist und sich auch niederschlägt auf den Umgang mit den Texten. Dass die historisch-kritische Methode für uns mehrheitlich höchstens eine von vielen Zugangsarten ist, auch wenn die alternden Männer auf den hochdotierten Lehrstühlen in Tübingen und München und sonst wo immer noch verbissen an ihr als der allein selig machenden Lehre festhalten.
Ich habe gelernt, dass es auch für andere, von denen ich es nie vermutet hätte, wichtig ist, „Glaube“ nicht als frommes Werk zu begreifen. Dass die Männer-Geschichte vom verlorenen Sohn auch für eine Frau eine Schlüsselgeschichte sein kann. Dass die Abgründe der biblischen Texte für andere gerade eine Stärke sind. Und dass ich, wenn ich intellektuell redlich bin, den inhärenten Wahrheitsanspruch der Bibel nicht ganz so leicht suspendieren kann, wie ich das im Kreise meiner Lieben, die alle einer Meinung sind mit mir, gelegentlich tue. Und schließlich sogar: dass jemand sich selber als „evangelikal“ bezeichnen kann und gleichzeitig keine Sekunde lang daran denkt, mir meinen Glauben, meine Ernsthaftigkeit oder meine Liebe zu den biblischen Texten abzusprechen.

Herr Hempelmann regt mich natürlich immer noch wahnsinnig auf. Und die „Bibel in gerechter Sprache“ immer noch wahnsinnig an. Ich werde nie im Leben „Fan von Evangelischer Allianz“ sein – aber nun bin ich also „Freundin“ eines „Fans von Evangelische Allianz“. Und das fühlt sich gar nicht mal so schlecht an.

Den Hauptvortrag der Herbstkonferenz hielt Professor Dr. Jörg Lauster über die Bedeutung des reformatorischen Schriftprinzips für die Gegenwart. Das übrige Programm der Herbstkonferenz 2009 war ein bunter Strauß von Möglichkeiten, Altbekanntes und ganz Neues kennen zu lernen. Am Dienstag konnte man gleich zwei Kompaktworkshops auswählen. Wer eher seinem kindlichen Spieltrieb nachgehen wollte, war bei Bibel und Playmobil genau richtig. Aber auch wer wissen wollte, wie das mit dem Humor der Bibel aussieht, wurde fündig. Natürlich durften auch das Radio oder die Kurzfilme und ihre Beziehung zur Bibel nicht fehlen. Am Nachmittag konnte sich die TeilnehmerInnen dann beim Bibliolog treffen, oder mit der Kunst und dem Hohelied in einen kreativen Dialog treten. Damit gestaltete sich „unsere HK“ so vielseitig, wie sich auch die Bibel immer wieder präsentiert. Mit viel Musik, schönen Andachten und dem Abendmahlsgottesdienst in einem wunderschönen Tagungshaus mit leckerem Essen, wurde die HK zu einem rundum schönen Ereignis.
Doch damit nicht genug. Ein weiteres Highlight der Herbstkonferenz 2009 war das 40-jährige Bestehen der VUV. 40 Jahre Vertretung der Vikarinnen und Vikare und der Pfarrerinnen und Pfarrer z.A. Grund genug für einen kleinen Festakt mit Ansprachen, Gratulationen, Sekt und noch viel mehr.

Thorsten Eißler / Birgit Mattausch
Aus Der Unstand