der Vikarinnen und Vikare und der Pfarrerinnen und Pfarrer in den ersten Amtsjahren der Württembergischen Landeskirche

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Bleibt alles anders!? – ein Rückblick auf die Herbstkonferenz 2022

Dass das Pfarramt in der näheren und ferneren Zukunft vor tiefgreifenden Veränderungen steht, zeichnet sich schon länger ab. Aber die Frage, wie tiefgreifend diese Veränderungen wirklich sind, wie mit der wachsenden Aufgabenfülle und stetig steigenden Ansprüchen umgegangen werden kann, während sich die Rahmenbedingungen immer schwieriger darstellen, kann nicht beantwortet werden.

Oder doch? Vom 24. bis zum 27. Oktober 2022 trafen sich ca. 120 Vikar:innen sowie Pfarrer:innen in den ersten Amtsjahren der evangelischen Landeskirche um genau diese Diskussion zu führen. Sie stellten sich thematisch der Frage „Bleibt alles anders!? – Pfarramt im Wandel.“

Foto: Samuel Wigger

Wie ist es, wenn 120 junge Pfarrer:innen aufeinandertreffen? Für viele überraschend: So viele „junge“ gibt es überhaupt? Für alle Vikar:innen und für einige Pfarrer:innen war diese Herbstkonferenz die erste, die sie überhaupt besucht haben – auch eine Folge von Corona. So war diese HK die erste Konferenz im bewährten Viertages-Format in Bad Boll seit 2019. Im vergangenen Jahr fand eine eintägige Konferenz im Waldheim Degerloch statt. Doch neben der Erfahrung des kollegialen Austausches mit vielen Kolleg:innen hielt die Herbstkonferenz ein äußerst aktuelles Thema bereit:

ecclesia semper mutanda. Eines der Reformationsprinzipien wird zunehmend unter Handlungsdruck gebracht: Neben der fortlaufenden Reform der Kirche steigt der Veränderungsdruck, der von außen an die Kirche herangetragen wird. Weniger Mitglieder, absehbar weniger verfügbare Mittel, größer werdende Gemeindegebiete und die endgültige Ablösung des vom Einzelkämpfertum geprägten Pfarrbildes stoßen auf eine Nachwuchsgeneration, die ihre Ideen deutlich artikuliert und vorbringt.

Das ist nicht neu. Jede Generation von Pfarrerinnen und Pfarrern steht vor dieser Frage: Welche Pfarrer:innen braucht unsere Kirche und unsere Gesellschaft? Aber daneben taucht diese Frage auch immer häufiger auf: Welche Kirche brauchen junge Pfarrer:innen, um lange, gesund und zufrieden in ihr zu arbeiten? Es mangelte in den vergangenen Jahren nicht an kritischen Rückmeldungen und Anfragen zu diesem Thema.

Aus der Rückmeldung mit Einwänden und Kritik ist leider schon längst eine Abstimmung mit den Füßen geworden. Neben der grundlegenden Feststellung, dass sich immer weniger junge Menschen zum Theologiestudium hinreißen lassen, steigt die Anzahl derer, die sich nach dem Vikariat (vorübergehend) nicht ordinieren lassen oder in den ersten Amtsjahren den Dienst quittieren, stetig.

Wie also müsste die Kirche der Zukunft aussehen? Die Teilnehmer:innen der Herbstkonferenz versuchten, sich diesem Themenkomplex auf unterschiedlichen Wegen anzunähern:

Den thematischen Aufschlag machte Prof. Dr. Dr. Günter Thomas (Bochum). Er veranschaulichte anhand von fünf Barstühlen die „nächtlichen Stimmen“, die Pfarrerinnen und Pfarrern ins Gewissen reden und vertiefte anschließend die Herausforderungen, vor die sich eine Kirche gestellt sieht, die nach dem Mitgliedschaftsprinzip strukturiert ist. Er schloss mit einem deutlichen Statement für eine post-heroisch glaubende Kirche, die sich auch ihren theologischen Irrtümern insbesondere der jüngeren Vergangenheit stellt und die Menschen einlädt, sich auf das Weltabenteuer Gottes einzulassen. Diese Plädoyers wurden in der anschließenden Podiumsdiskussion aufgenommen und von verschiedenen Diskutand:innen und dem Publikum ausgiebig diskutiert. Auf dem Podium sprachen Pfarrerin Dr. Antje Fetzer (Waiblingen), Dr. Jörg Kohr (Ambrosianum Tübingen), Pfarrer Andreas Oelze (Weltanschauungsbeauftragter der ELKW), KR Georg Ottmar und Prof. Dr. Dr. Günter Thomas. Moderiert wurde die Gesprächsrunde von Christoph Naser (Tübingen).

Foto: Lena Fritz-Hopfe

Am Abend trafen die Teilnehmer:innen der Herbstkonferenz auf vier Pfarrer:innen aus vier Lebensjahrzehnten, auf Daniel Geese (Schietingen-Vollmaringen), Anja Wessel (Pfarrseminar Birkach), Christoph Doll (Stuttgart) und Annemarie Helwig (Ebhausen). Bei diesem „Treffen der Generationen“ wurde der bisherige Veränderungsprozess der Kirche an konkreten Biografien nachvollziehbar.

Foto: Christina Drobe

Am zweiten Tag wurden Perspektiven auf einen gelingenden Berufsalltag im Pfarramt eröffnet. Dazu gab es zunächst zwei Vorträge, zum einen stellte Andreas Gruhn anhand einer biografischen Selbstbetrachtung dar, wie ein spirituell erfüllendes und eigenständiges Leben im Pfarramt gelingen kann. Zum anderen widmete sich Christof Weiss-Schautt der Frage, wie man mit wechselnden Ergiebigkeiten unterschiedlicher spiritueller Quellen und Wege durch die Lebensjahre hindurch umgehen kann.

Am Nachmittag konnten sich die Teilnehmer dann für zwei von vier Workshops anmelden. Hier wurde es praktisch: Es ging um Methoden, wie die Balance zwischen Beruf, Familie, Freunden und Freizeit eingestellt werden kann. Es ging um konkrete sportliche Übungen, die Pfarrer:innen als „homo sitzikus“ Rückenprobleme und Bewegungsproblemen Abhilfe schaffen können. Es ging um Achtsamkeits- und Stressbewältigungsübungen. Und es ging darum, wie man die eigenen inneren Antreiber:innen, die einen zwar motiviert halten, einen aber zugleich oft zielsicher in die Überforderung manövrieren, in die Schranken weisen kann.

Abends ging es dann an den zum Klassiker gewordenen „Feierabend“ – Details bleiben hier verborgen: Was in Boll geschieht, bleibt in Boll 😉. Zumindest eröffnete der dritte Tag dann mit dem Brunch und den anschließenden Wahlen zum Konvent.

Anhand des Buches „Kirche gestalten“ von Uta Pohl-Patalong wurden am Nachmittag wiederum vier Workshops aufgebaut, die der Vorbereitung des Treffens mit Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl dienten. Gearbeitet wurde zu folgenden Themen: Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt – oder kentert der Kahn schon?, Was ist Gemeinde?, Ehrenamt – aus alt mach neu, Pfarramt – zwischen Beruf und Berufung.

Foto: Lena Fritz-Hopfe

Im Gespräch mit dem Landesbischof stellten dann die einzelnen Workshops jeweils ihre Fragen und Thesen vor, so dass Landesbischof Gohl im Gespräch darauf reagieren konnte und auch Reaktionen aus dem Plenum möglich waren.

Bei der Diskussion der ersten beiden Workshops ging es vorwiegend um die Frage danach, ob und wenn ja, wie sich in Zukunft parochial Gemeindearbeit organisieren lässt. Als ein Ergebnis dieser Diskussion ließ sich festhalten, dass die Parochien für die Grundversorgung in Bezug auf Kasualien wichtig bleiben, aber vieles andere wie Gruppen und Kreise, Gottesdienstpläne, etc. über die Parochien hinaus gedacht werden kann und soll, wegen der geringer werdenden Teilnahmezahl, der erhöhten Mobilität, aber auch im Hinblick auf die Entlastung von Pfarrer:innen. Die Idee von Uta Pohl-Patalong, in den Ortsgemeinden bedarfs- und gabenorientiert zu arbeiten, fand großen Anklang. Wäre es nicht eine große Chance für die Gemeindearbeit, sich je nach Ort auf die Zusammenarbeit mit einer gut laufenden KiTa oder mit einem besonders regen Vereinsleben o.ä. zu konzentrieren?

Dieser Gesprächsgang setzte sich entsprechend fort in Überlegungen zum Ehrenamt: Warum sollen wir an alten Formaten von Gruppen und Kreisen festhalten, wenn sich dafür weder ausreichend Teilnehmende noch Mitarbeitende finden lassen? Wäre es nicht sinnvoller in den Gemeinden zu fragen, welche Formate gewünscht bzw. gebraucht werden, wo Interessen und Begabungen von möglichen Mitarbeitenden liegen? 

Die kontroversteste Diskussion zwischen dem Plenum und dem Landesbischof ergab sich beim vierten Thema: Pfarramt – zwischen Beruf und Berufung. Der Workshop dazu hatte in einem Bodenbild mit Moderationskarten Aspekte festgehalten, die nötig wären, um im Pfarrberuf gut arbeiten zu können (siehe unten).

Foto: Christina Drobe

Insbesondere die Frage nach einer verbindlichen Arbeitszeitkommunikation lag bei den Unständigen oben auf: So gibt es beispielsweise Schwierigkeiten beim Beantragen von Elterngeld, wenn keine Bescheinigung über die festgelegte Arbeitszeit vorgelegt werden kann. Darüber hinaus scheint das kirchliche Modell der nicht festgelegten Arbeitszeit gesellschaftlich kaum bis gar nicht mehr kommunizierbar. Natürlich ist bekannt, dass beispielsweise in medizinischen Berufen die Arbeitszeit im Sinne von Überstunden oft von der geregelten Arbeitszeit abweicht. Dennoch gibt es dort zumindest klare Orientierungspunkte. In diesem Zusammenhang war es den Unständigen sehr wichtig, zu betonen, dass es nicht darum geht, nichts beitragen oder leisten zu wollen. „Wenn wir nicht alle eine grundsätzliche Haltung zu diesem Beruf hätten, wären wir nicht hier.“ So lautete ein Beitrag aus dem Plenum, der großen Beifall erntete, u.a. vor dem Hintergrund, dass sich die junge Generation immer wieder implizit oder explizit mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, es mangele ihr an der nötigen Haltung zum Pfarrberuf. Dieses sehr anregende und teilweise eben auch recht kontroverse Gespräch endete mit verschiedenen Schlussvoten, u.a. einem großen Dankeschön an Landesbischof Gohl für seine Offenheit im Gespräch mit den Unständigen und einer Wertschätzung der Unständigen durch Landesbischof Gohl, der aus diesem Gespräch mitnehme, dass es viele motivierte junge Kolleg:innen im Pfarrberuf gebe, die gerne im Pfarrberuf arbeiten wollen.

Im Anschluss an das Gespräch mit dem Landesbischof wurde das Vorbereitungsteam der Herbstkonferenz 2022 mit Dank verabschiedet, und es konstituierte sich ein neues Team für das Jahr 2023 zum Thema „Mit Pauken und Trompeten – eine musikalische Herbstkonferenz“.

Der Tag endete dann mit einem gelungenen kleinen Gottesdienst, bei dem die Ergebnisse der „Denkfabrik“ eingebracht wurden. Während der gesamten drei Tage konnten die Teilnehmer:innen in der Denkfabrik auf einem riesigen Bodenbild Themen, Fragen und Ideen zum Thema „bleibt alles anders?!“ sammeln und austauschen.

Am vierten Tag fand wie üblich die Vollversammlung der VUV statt, bei der auch Themen zur Veränderung von Vikariat und Pfarrberuf im Gespräch mit D3 thematisiert wurden.

„Bleibt alles anders?!“ letztlich lässt sich das mit einem klaren: „Jein“ beantworten. Die diesjährige Herbstkonferenz machte deutlich, dass der pfarramtliche Nachwuchs einerseits mit großer Freude und Offenheit daran ist, aus den veränderten Rahmenbedingungen heraus eine neue Kirche zu gestalten. Zugleich brach sich an vielen Stellen Frustration darüber Bahn, dass die Organisationsstrukturen in der Kirche diese Offenheit der „Jugend“ nicht ohne weiteres zulassen können und wollen. Aber außer der Veränderung scheint in der Kirche derzeit kaum etwas sicher.

Joachim Fritz, Dr. habil. Christina Drobe

Großzügig unterstützt wurde die Herbstkonferenz durch die Evangelische Landeskirche in Württemberg, den Evangelischen Pfarrverein und dem Verein zur Hilfe für evang. Pfarrerinnen und Pfarrer e.V., die Calwer-Verlag-Stiftung, die VuV und den Versicherer im Raum der Kirchen (VRK). Die Calwer-Verlag-Stiftung, der VRK sowie buch+musik waren auf der Konferenz mit einem Stand präsent. Haben Sie vielen Dank dafür!



Bleibt alles anders?! – Pfarramt im Wandel

Veränderungen gehören zum Leben. Mal dreht sich das Rad schneller, mal langsamer. Dreht es sich nicht mehr, gibt es Stillstand. Dreht es sich zu schnell, gibt es Chaos. Beide bedrohen das Leben. Die rechte Balance ist wichtig – auch für das Pfarramt mitten im Leben. Damit beschäftigen wir uns auf dieser Herbstkonferenz.

Wir freuen uns auf eine spannende Tagung mit Euch!

Euer Vorbereitungsteam der Herbstkonferenz 2022,

Stephanie Bethge, Sebastian Bugs, Carina Deutschle, Dr. habil. Christina Drobe, Joachim Fritz, Lena Fritz-Hopfe, Lena Günther, Charlotte Horn, Janina Lauxmann, Lena Warren, Margarete Zeyher


Die Herbstkonferenz ist eine selbstorganisierte, viertägige Fortbildungsveranstaltung der Unständigen (Vikarinnen und Vikare, Pfarrer und Pfarrerinnen z.A. und der Pfarrverweserinnen und Pfarrverweser) in der Württembergischen Landeskirche. Sie findet traditionell von Montag bis Donnerstag in der Woche vor den Herbstferien in der Evangelischen Akademie in Bad Boll statt.

Alle Unständigen sind für die Teilnahme an der Herbstkonferenz dienstbefreit.

Großzügig unterstützt wird die Herbstkonferenz durch die Evangelische Landeskirche in Württemberg, den Evangelischen Pfarrverein und dem Verein zur Hilfe für evang. Pfarrerinnen und Pfarrer e.V., die Calwer-Verlag-Stiftung, die VuV und den Versicherer im Raum der Kirchen (VRK).

Die Calwer-Verlag-Stiftung, der VRK sowie buch+musik werden auf der Konferenz mit einem Stand präsent sein.